Herbstferien. Ein Wort, das ich aus meiner Kindheit kannte. Das bedeutete, dass wir in der Zeit meist den Garten „winterfest“ machten und Unmengen an Laub harkten. Unter anderem zwei riesige Walnussbäume ärgerten mich oder beschenkten mich – je nachdem wie man das ganze Laub betrachten möchte. Als Kind noch ein Abenteuer wurde es auf jeden Fall im Jugendalter zu einer Last. Doch was mich auch an Herbstferien erinnert: Draußen auf dem Feld Drachen steigen lassen und dabei heißen Tee aus der Thermoskanne trinken; Laub und Äste vom Beschneiden der Obstbäume im Garten verbrennen und beim letzten Rest Würstchen am Spieß drüber halten; nach einem kalten Tag im Garten rein kommen und warmen Kakao vor dem Fernseher trinken.
Herbstferien. Ein Wort, das ich viele Jahre nicht mehr kannte. Ich war so froh, als die Schule endlich vorbei war. Danach gab es für mich erst einmal nur noch Semesterferien. Und die bedeuteten, dass es im Herbst mit dem neuen Semester so richtig los ging. Später, als ich im Berufsleben ankam, schwang das Wort – neben den vielen anderen Ferien – immer mit. Als Kinderlose sollte ich darauf achten, eben in dieser Zeit keinen Urlaub zu nehmen. Das war für mich absolut kein Problem. Das Jahr hatte ja noch weitaus mehr Tage und Wochen zur Auswahl.
Herbstferien. Ein Wort, das in mir mittlerweile sehr viel Sehnsucht weckt. Nicht weil ich wieder Kind sein möchte, sondern weil es dir erste ruhige – und ich schreibe bewusst nicht „freie“ – Zeit nach einem turbulenten und in der Regel anstrengendem Schulstart ist. Ich sehne mich nicht danach, weil ich selbst Kinder habe, mit denen ich dann meine Zeit verbringen darf. Nein. Ich gehöre seit ein paar Jahren zu denen, die stets bemüht darum sind, dass in den Köpfen der Kinder mehr wächst als nur Blubberblasen. Wobei, in jeden Kopf gehört eine gute Portion Blubberblasen, aber in Maßen oder so, dass sie im richtigen Moment zum Einsatz kommen. Wie dem auch sei.
Herbstferien. Ein Wort, das ich dieses Jahr bereits zum vierten Mal höre, zum vierten Mal mehr denn je verinnerlicht habe und zum ersten Mal so richtig dolle herbei geschworen habe. Seit drei Jahren bin ich Lehrerin – aus dem Büro ins Klassenzimmer sozusagen. Habe ich es bereut? Nein. Würde ich es wieder machen? Ja. Bereits als kleines Mädchen mussten meine Plüschtiere und Freunde dafür herhalten, Schule zu spielen. Irgendwann verflog der Gedanke. Neue Berufswünsche kamen daher: Blumenverkäuferin, Anwältin, Gerichtsmedizinerin. Kurz vor dem Abi keimte er wieder auf, der Wunsch Lehrerin zu werden. Tja, was soll ich sagen? Die Aufnahme für das Studium hat nicht geklappt und ich entschied mich für einen anderen Weg. Von da an öffnete die Literatur und noch ein wenig mehr die Archäologie mein Herz. Warum ich mich nach dem Studium für die Öffentlichkeitsarbeit als Berufsweg entschied, weiß ich so genau gar nicht mehr. Doch es fühlte sich richtig an und machte mich viele Jahre sehr glücklich. Manchmal aber schreibt das Leben Geschichten, die man nicht erahnen würde. Und so trieb es mich aus der Heimat fort und in neue Möglichkeiten.
Herbstferien. Ein Wort, das ich genieße, weil ich weiß, dass ich zwei Wochen mal wieder am Schreibtisch arbeiten kann. Der Lehrer-Job ist mein Ding. Er erfüllt mich. Er treibt mich in den Wahnsinn, entlockt mir pure Freude und extreme Wut. Am Ende des Tages gibt es neben der manchmal endlosen Erschöpfung immer Dinge oder Momente, auf die ich stolz bin, die mich glücklich machen und mir zeigen, warum dieser Beruf so wertvoll ist. Das wertvollste am Lehrerdasein ist es nicht, Kinder zu belehren, sondern die Möglichkeit zu haben, ihnen diese große Welt ein Stück näher zu bringen. Ja, manchmal ist der Inhalt fragwürdig, wenn man sieht, wann die letzten Lehrpläne erschienen sind. Doch das Wie ist viel entscheidender. Wenn Kinder und Jugendliche dann auf mich zukommen, mir ihr Vertrauen schenken, mir wertschätzende Rückmeldungen geben oder sich freuen, weil sie etwas verstanden haben, dann ist für mich die Welt mehr als in Ordnung. Natürlich gibt es das nicht jeden Tag. Kinder sind Menschen und Pubertiere manchmal richtige Biester. Genau deshalb aber, sind die Tage und Wochen außerhalb des Klassenzimmers so wichtig. Noch nie in meinem Leben waren meine mentalen Akkus nach ein paar Wochen Arbeit so leer. Es ist die besondere Herausforderung in Jobs, in denen man den ganzen Tag nicht nur mit Menschen zusammen, sondern direkt am Menschen arbeitet. Eine emotionale Berg- und Talfahrt durchläuft der Körper mehrere Stunden am Stück, ohne Pause. Manche Emotionen wechseln im Klassenzimmer sekündlich, laufen parallel oder wechseln sich ständig ab.
Herbstferien. Ein Wort, das mir eine Pause zum Aufladen der Akkus verspricht. Gleichermaßen ist es eine Zeit, in der ich mich auch freue, auf die nächste Phase des Schuljahres, auf den Wechsel zur Gemütlichkeit und die weihnachtliche Atmosphäre. Alles Dinge, die man mit Kindern im Klassenzimmer manchmal mehr genießen und zelebrieren kann, als im Büro.
Herbstferien. Ein Wort, das ich vermutlich und hoffentlich noch ein paar Jahre hören werde und das mich durch das Jahr begleitet. Die Herbstferien bis 2028 sind übrigens schon im Kalender eingetragen.
Lehren mit Leidenschaft
Mehr zu meinem Einstieg ins Lehrerleben kannst du dir in meinem Podcast anhören.