Laut, voll, anstrengend – doch die Leipziger Buchmesse ist viel mehr. Sie bringt Menschen zusammen, deren Interessen nicht unterschiedlicher sein können. Denn in Worten steckt alles, was Menschen bewegt. Genau deshalb ist sie beispiellos. Früher als Messemacherin und heute als Lehrkraft freue ich mich über jeden, der den Mut hat, sich auf diese Veranstaltung einzulassen und auf Entdeckerreise zu gehen. Egal, ob man gern liest oder nicht: Hinter jeder Ecke kann sich etwas verstecken, von dem man noch gar nicht wusste, dass man es toll findet.
Augen öffnen
Für manche ist es wie eine Reizüberflutung, für andere ein riesiges Paradies. Ich selbst fühlte mich sofort wieder ziemlich wohl im Messetrubel und war froh darüber, das Gelände so gut zu kennen. Insgeheim fragte ich mich, wie viele Besucher während ihres Besuchs zeitweise nicht mehr wissen, wo sie sind. Gleichzeitig wusste ich intuitiv wieder wie ich mich schnellen Schrittes durch die Besucher hinweg bewegen kann. Vielleicht ist es wie Fahrradfahren: Der Körper weiß nach dem Lernen auch Jahre später noch, wie es funktioniert. Meine Augen haben alles aufgesogen, das Herz hüpfte und der Bauch kribbelte. Das besondere an solchen Veranstaltungen ist die Vielfalt, die einen schier umhauen kann. Ich bin mir sicher, dass eine Vielzahl der Besucher verzweifelt, weil sie ohne konkreten Plan dort sind, sich treiben lassen wollen. Ja, möglicherweise funktioniert das für manche. Aber ich denke, es frustriert diejenigen, die ihre Liebe zum Wort genauer definieren können.
Entscheiden, was man will
Es gibt diese bestimmten Genres, deren Liebhaber genau wissen, was sie wollen. Mir machte es einen riesigen Spaß, dies zu beobachten.
Da wären als erstes die Fitzek-Groopies. Ungeplant geriet ich genau in deren Strudel, weil eine Signierstunde anstand. Wahnsinn, wie die Leute Schlange für einen Autor stehen, als wäre er ein riesiger Star aus Hollywood. Eine Ehre für das geschriebene Wort, das von einem Großteil der Menschheit doch leider nach wie vor einfach nur verschmäht wird.
Dann wären da die Fantasy-Träumer. Zum Teil verkleidet stehen sie an den Bücherreihen, mit den neuesten Traumreisen und den X-ten Ausgaben echter Klassiker. Man darf Gesprächen lauschen, in denen darüber gefachsimpelt wird, wie gut der Cliffhanger vom ersten Band war, wie grauenvoll Romangeschichten in Serien umgesetzt werden oder wie sehnsüchtig man sich wünscht, dass Figuren nicht sterben. Doch auch Diskussionen mit Mitbewohnern oder Partnern erfolgen, in denen man sich rechtfertigt, dass man nie genug Ausgaben des Hobbits daheim haben kann.
Schließlich gibt es noch eine ganz besondere Gruppe, vermutlich die Boomer der aktuellen Verkaufsschlager: Die New-Adult-Schwärmer. Ausgeklügelte Warteschlangensysteme müssen die Besucher koordinieren, damit die Stände nicht aus allen Nähten platzen. Es sind diese Geschichten von moderner Liebe mit dem nötigen Spiece, die Leserherzen höher schlagen lassen. Manche Muttis erkennen plötzlich, was ihre Töchter da eigentlich lesen und schielen verstohlen an die Verlagsstände mit den anrüchigsten Covern und Merchandise. Es ist ein Fest der Beobachtungen, dass mich das ein oder mal grinsen ließ.
Vergessen darf ich natürlich nicht bunten Vögel unter den Buchliebhabern. Und das meine ich keineswegs abwertend. Denn die Fans der Manga- und Comicwelt verdienen meinen größten Respekt. Sie schaffen es, wie kaum jemand anderes, ihre Leidenschaft zum Ausdruck zu bringen. Egal wie schief ihre Buchinteressen auch heute noch anschaut werden, sie ziehen es durch und lieben eben, was sie lieben.
Mut zum Entdecken
Wenn ich an die vielen Jugendlichen denke, mit denen ich arbeite, dann verbindet die meisten von Ihnen eine Aussage: „Ich habe keinen Bock zu lesen!“. Jetzt könnte ich sagen: „Dann hast du das richtige Buch noch nicht gefunden.“ Aber dieser olle Spruch geht mir selbst gehörig auf den Keks. Was meiner Meinung nach fehlt, ist der Mut zu entdecken oder das Risiko einzugehen auch mal in die langweiligste Grütze zu greifen. Natürlich ist man nicht immer total motiviert zu lesen. Geht mir ja selbst nicht anders. Müde Augen, voller Kopf. Dennoch wage ich immer wieder den Schritt, ein Buch in die Hand zu nehmen, mir auszuleihen oder auch zu kaufen. Auch ich habe schon viel Mist dabei gehabt, den ich nicht zu Ende gelesen haben. Aber am Ende haben die besonderen Geschichten überwogen, die mich reinziehen in eine eigene Welt, die mindestens genauso gut ist, wie eine Serie. Überrascht stelle ich in der Schule dann immer wieder fest, das viele der Kids eben jene Serien schauen, die zuerst einmal ein Buch gewesen sind…




