Guten Abend, kleine Robbe

Während ich zusah, wie das Fischerboot vom Tag in den Hafen heimkehrte, wurde mir bewusst, wie gut mir dieser Ort tut. Diese Hügellandschaft, das Wasser, das Gras, der Geruch – alles ist besser als Entspannungs-Musik zu hören oder Atemtechniken zu testen. Nur ein paar Meter von meiner Unterkunft entfernt, entdeckte ich eine kleine Bucht, zu der ich jetzt sicher öfter finden werde. Nachdem die Ebbe der Flut gewichen ist, schwappte das klare Meerwasser klangvoll gegen die Felsen. In diesem Moment fiel mir auf, dass man tatsächlich nichts anderes hörte.

On the road ins Nirgendwo

Als ich gestern morgen in Avimore losfuhr, wusste ich nicht genau, was mich im nördlichsten Westen Schottlands erwarten sollte. Lochinver, mein Ziel, liegt circa eine Stunde gen Norden von Ullapool. Bis nach Inverness fuhr ich eine mir altbekannte Strecke. Kurze Zeit danach verließ ich jedoch die größere Straße und vor mir machte sich eine breite und zum Teil karge Hügellandschaft auf, die ich bisher nur von der Isle of Skye kannte. Für jeden, der gern Motorrad fährt kann ich guten Gewissens die Westküste empfehlen. Doch auch mit dem Auto kommt man auf seine Kosten – wenn man nicht gerade tausend Tode stirbt, während ein Wohnwagen die Spur schnippelt…

Nasses Ullapool

Die Westküste Schottlands ist wettertechnisch beinah unbeständiger, als jeder andere Teil des Landes. Kurz bevor ich nach Ullapool hineinfuhr goss es aus Eimern – ein gefühlter Weltuntergang für ganze 10 Minuten und schlagartig war alles vorbei. Pünktlich beim Parken des Autos drückte für einen kurzen Moment sogar die Sonne etwas hindurch – leider ohne Erfolg. Davon ließ ich mich jedoch nicht abbringen und schlenderte zum Hafen. Die Anlegestellen der Fähren lagen stumm im grau glänzenden Wasser. Nichts deutete überhaupt daraufhin, dass hier jemand arbeitet. Die einzigen Menschen, denen man hier unten vor der Reihe kleiner Fischerhäuser begegnete, waren – gut erkennbar an den bunten Regenjacken *räusper* – die Touristen. Im Zehn-Minuten-Takt begann es immer wieder zu nieseln, sodass ich mir Zeit für die kleinen Mitbringsel-Läden nahm. Auch wenn sie klischeehaft und manchmal echt wühlig sind, muss ich sagen, dass ich sie mag. Kann aber auch daran liegen, dass ich mich zwischen diesen karrierten Mustern einfach wohl fühle. Ich nutzte die Gelegenheit, um mir ein neues Wollmützchen zu kaufen, da es meine eigene zu Hause nicht in den Koffer geschafft hat.

Zwischen Tal- und Karussell-Fahrten

Weiter ging die Fahrt über die kurvenreiche Highland-Straße. Wie viel Spaß Schottland auch allein machen kann, habe ich während dieser Strecke wieder einmal gemerkt. Wenn die Straße kurzzeitig in den Himmel führte, sprach ich aufmunterte Worte mit dem Astra – ging es wieder hinunter, konnte ich mir das „Huiii“ dann auch nicht mehr verkneifen. Ohne, dass ich bei der Fahrtenplanung Kenntnis davon genommen hatte, kam ich direkt am Ardvreck Castle vorbei, oder besser gesagt dessen Ruine. Nach meinem letzten Schottlandbesuch war ich eigentlich an dem Punkt angelangt zu sagen, dass es erst einmal reicht mit der Bauklotzbesichtigung. Dieses hier hat mich aber überzeugt, nie die Nase voll zu haben. Elegant stehen die Überreste auf dem grünsten Hügel des ganzen Umfeldes mitten, im Wasser. Trotz der umher streunenden Ich-steige-nur-mal-schnell-aus-um-ein-Foto-zu-machen spürte man hier die Einsamkeit in schierer Endlosigkeit. Wer hier halt macht, sollte sich Zeit nehmen und die Atmosphäre aufnehmen, die sich ergibt, wenn man auf dem Hügel hinter der Ruine steht. Mit dem Blick auf den Loch Assynt, der sich zwischen den Highlands entlang bahnt, fühlt man sich wie der König der Welt. Übrigens, für alle Outlander-Fans unter euch: Das Ardvreck Castle wurde von Angus Mor III. erbaut – ich musste sehr schmunzeln.

Ard na long

Meine Unterkunft in Lochinver ist sehr hübsch, klein aber fein. Nur die Tatsache, dass die Wohnung direkt am Haus meiner Vermieterin angebaut bzw. eingebaut wurde, deren Familie zeitweise sehr laut und die Wände mehr dünn als schalldicht sind, lässt mich ein wenig grummelig werden. Daher wird vor allem abends die kleine Bucht mein Domizil. Dann heiße ich die Fischerboote willkommen und schaue den Robben beim Schwimmen zu.


Empfehlungen
  • Kostenfrei Parken in Ullapool: Es gibt einen großen, kostenlosen Parkplatz, der ab Ortseingang ausgeschildert ist. Leider nehmen die Schotten es nicht immer so genau mit Richtungsschildern an jeder Kreuzung, sodass ich einmal im Kreis gefahren bin, weil plötzlich kein Schild mehr da war.
  • Tanken und Einkaufen im Nordwesten: Wer sich in die nordwestliche Ecke der Insel aufmacht, sollte hierauf achten. Der vorerst letzte größere Supermarkt (Tesco) ist in Ullapool, die nächsten Orte haben alle nur kleinere Läden. Beim Tanken sieht es ähnlich aus – wobei es in Lochinver und in Lairg auch kleine Zapfsäulen (ähnlich der früher privaten Tankstellen in Deutschland) gibt.

Im Hafen von Ullapool

Ardvreck Castle

Lochinver: Blick von der Unterkunft

Die besagte Bucht neben der Unterkunft

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Da erlebst du aber wunderschönes 😉 Diese Grüntöne ! LG aus Schweden

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    1. Eni sagt:

      Ja, die Grüntöne sind in der Tat Wahnsinn. Aber in Schweden gibt es die doch bestimmt auch? 😉 Liebe Grüße, Eni

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