Ben Rinnes: Den Wolken so nah

Seitdem ich im letzten Jahr einen Teil des Ben Nevis Pfades gelaufen bin, war der Wunsch groß einen der Berge Schottlands bis zum Gipfel zu erklimmen. Unweit der Unterkunft in Glenlivet befindet sich der Ben Rinnes, mit seinen insgesamt 841 Metern erstreckt er sich am Rande des Cairngorm Nationalparks in die Höhe. Damit ist er der höchste Berg im näheren Umkreis, sodass bei gutem Wetter ein Rundumblick vom Meer bis zu den Cairngorm Mountains möglich ist.

Aller Anfang ist schwer

Wir hatten Glück, denn der Wettergott meinte es gut mit uns. Nach einem leckeren Frühstück und einem kurzen Abstecher in das nahgelegene Dufftown, machten wir uns am späten Mittag auf den Weg, den Ben Rinnes zu bezwingen. Die meisten Wanderführer sprechen davon, dass es sich hierbei um keine all zu schwere Route handelt. Zeitlich gesehen, rechnet man mit circa 3,5 Stunden für den Auf- sowie Abstieg. Startpunkt ist ein kleiner Parkplatz auf der Straße nach Edinvillie. Von hier wandert man über einen breiten Schotterweg in langen Serpentinen bergauf. Wer bereits hier beginnt atemtechnisch zu schwächeln, sollte zumindest bis zu ersten Erhöhung der Tour nach ungefähr 20 Minuten durchhalten. Denn bereits hier hat man einen wunderbaren Blick über die breite Hügellandschaft von Banffshire. Ich selbst merkte auf dem ersten Kilometer, dass meine bisherigen Touren sehr auf ebener Fläche von statten gegangen sind. Am Ben Rinnes gestaltet sich die Wegbeschaffenheit durch den Höhenunterschied etwas schwieriger, sodass man auf einer Strecke von 4 Kilometern bis zum Gipfel mehr als 500 Höhenmeter zurücklegt – da macht sich wohl oder übel die Atmung bemerkbar.

Entspannung für die Waden

Nachdem wir uns etwas eingelaufen hatten, folgte auch sogleich eine kurze gerade Strecke – optimal um die Waden kurz zu entspannen. Auf der ersten Anhöhe der Tour sahen wir den weiteren Wegesverlauf bis zum Gipfel leider nur marginal, sodass wir uns nur ansatzweise vorstellen konnten, wie der Weg weiterverlaufen würde: bergauf. Alsbald wurde die Wadenmuskulatur und das Lungenvolumen auch schon wieder beansprucht, da über den weiteren Schotterweg – der mittlerweile zum Teil etwas größere Steine führte – die nächste Anhöhe empor ragte. Frohen Mutes ging es also weiter nach oben.

Motivationsgrenze

Knapp eine Stunde war seit dem Beginn der Tour vergangen. Wir hatten das Gefühl ein sehr gutes Tempo vorzulegen und der Gipfel rückte schließlich in greifbare Nähe. Im Anschluss an die zweite Anhöhe folgte erneut ein kurzes Entspannungsstück, sodass uns nun der volle Blick auf das Ziel eröffnet wurde. In der Theorie wirkte der Weg nicht mehr all zu weit. Als wir dann aber den noch bevorstehenden, steilen Pfad im letzten Teil wahrnahmen, verging uns kurz die Lust. Laut dem Wanderführer benötigt man allein für den Aufstieg knapp zwei Stunden. Beudetete das, dass wir für das letzte Drittel eine ganze Stunde brauchen würden?! Die Motivation schwand kurz. Doch nachdem uns ein paar Wanderer entgegengekommen waren, die zum Teil im fortgeschrittenen Alter waren, konnte es doch nicht so schwer sein den Gipfel zu erreichen. Dachten wir zumindest.

Was für eine Heuchelei, lieber Ben Rinnes

Wie sich herausstellte, lag der wohl schwierigste und anstrengendste Teil genau vor unseren Füßen. Der breite Schotterweg wich einem schmaleren Kiesweg, durchsetzt mit kürzeren und längeren Treppenabsätzen. Der bisherige Neigungsgrad verdoppelte sich gefühlt. Während die Luft immer dünner wurde, das Atmen entsprechend schwer fiel und die Füße auf dem trockenen Kies wegrutschten, begann der innere Schweinehund zu protestieren. Was soll der Mist eigentlich? Reicht dir der Blick von hier nicht? Ist doch schön hier oben. Aber du weißt selbst, dass du eigentlich gar keinen Bock mehr hast? Der Wind pfeifft in den Ohren, wenn die Sonne aus den Wolken hervorkommt ist es viel zu warm, deine Augen tränen vom Luftzug unter der Sonnenbrille und deine Nase solltest du beim nächsten Mal zu Hause lassen, die läuft schneller als deine Füße… Ich muss gestehen, dass die kurzen Atempausen öfter wurden. Doch das Ziel schien nah. Mit Blick nach oben, eröffnete sich bereits der Himmel. Die vorerst letzte Kraft wurde mobilisiert und das Ziel ins Visier genommen. Der Moment in dem ich an dieser Stelle ankam, war unfassbar deprimierend. Denn: Es war nicht einmal ansatzweise der Gipfel. Der hatte sich hinter dieser Anhöhe versteckt und war zuvor schlicht und ergreifend nicht zu sehen.

Wenn die Welt zu Füßen liegt

Dann war es endlich so weit! Der Weg wich einer saftig, weichen Wiese und wir erreichten die Spitze des Ben Rinnes. Das Gefühl: unbeschreiblich erschöpft – für den Moment. Insgesamt 1 Stunde und 45 Minuten waren das Ergebnis des Aufstieges. Die Muskulatur hielt, die Lunge erholte sich schnell – und der Ausblick war fantastisch. All die Mühe hatte sich letztlich gelohnt und auch der innere Schweinehund gab sich plötzlich schweigend. Ha, hab ich wohl doch zu viel Ehrgeiz für dich Miesepeter? – dachte ich mir und genoss die Stille mit der Welt zu meinen Füßen.


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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. kathaisa11 sagt:

    Wow, einfach wow! Toll das du dir diesen Taum erfüllt hast!

    Gefällt 1 Person

    1. Eni sagt:

      Ich bin auch immer noch in der „Wow-Phase“ 😀 Das schlimme an diesen Bergen ist, dass man süchtig wird. Es war nur der erste Gipfel – aber ich bin mir sicher, dass noch ein paar mehr folgen werden 🙂

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