Coronachaos: Schmerz, lass nach

Ich habe diesen einen perfekten Baum gefunden, an dessen Stamm ich mich setzen und gemütlich anlehnen kann. Er steht mitten im Park. Als ich mich das erste Mal unter dieser breiten alten Krone niederließ, trug er noch kein einziges Blatt. Es war eine Zeit, in der die Welt um uns herum, geküsst vom Frühling, wieder zu leben begann. Da dachte ich noch, dass es eine knochige Linde sei. Heute sehe ich die zarten kleinen Blätter eines Ahorns über mir. Ein paar Pflanzen konnte ich schon immer ganz gut erkennen, doch scheinbar ist diese Botanik dann doch nicht so einfach. Irgendwie gefällt mir diese Erkenntnis. Denn sie zeigt mir, dass manche Dinge anders sind, als sie anfangs scheinen.

Ich habe sehr lange wenig Muse gefunden, um ein paar Zeilen zu schreiben. Gerade die letzten Monate waren sehr verrückt. Ich habe etwas Zeit gebraucht, um mich in die neuen Situationen des Alltags einzufinden, die dieses Virus mit sich gebracht hat. Ende Februar war ich noch in Schottland. Habe dort meinen ersten winterlichen Urlaub verbracht. Langsam schließt sich der Kreis der Jahreszeiten meiner Besuche dort oben. Es war ein ruhiger Urlaub, der mich abermals in ein paar Ecken brachte, die ich noch nicht kannte und mich zugleich zu Orten führte, die ich bereits in mein Herz geschlossen hatte. Bei einer längeren Autofahrt eröffnete sich die raue Westküste von Argyll and Bute im Sonntenuntergang vor meinen Augen. Da spürte ich wieder dieses Gefühl, absolut richtig zu sein. Leider währte dieser Moment nur kurz, da der eigentliche Aufenthaltsort der Reise dieses Mal South Queensferry war. Wenn ich jetzt zurückblicke, erscheint mir diese eine Woche so unglaublich weit weg. Derzeit weiß ich nicht einmal, wann ich überhaupt wieder einen Fuß in einen Flughafen setzen kann, geschweige denn, wann ich Schottland wieder sehen werde. Corona hat vieles verändert. Ich würde nicht sagen, dass die damit einhergehende Pandemie alles verändert hat. Sie hat uns neue Blickwinkel geöffnet und uns gezwungen, von den altbekannten und gelernten Pfaden abzuweichen.

Es gab einen Moment vor vier Wochen, da bekam ich wirklich Angst vor dem, was auf uns zukommen würde. Auf Arbeit bereiteten wir eine Homeoffice-Phase vor. Ich traf Vorbereitungen und fuhr nochmal zu meiner Familie auf das Dorf hinaus. Leipzig kam mir zu diesem Zeitpunkt bereits sehr eng vor. Eine riesige Stadt mit ihren Weiten und tausenden Menschen wirkte plötzlich unglaublich ruhig und gleichzeitig total bedrückend. Ich stellte mir die Frage, ob ich überhaupt einen Fuß vor die Tür setzen dürfte, wenn die Beschränkungen kämen. Ich fragte mich auch, wie sehr sich das Virus ausbreiten würde, wann ich meine Familie und Freunde wiedersehen könnte. Es machte sich eine beinah unerträgliche Abschiedsstimmung überall breit. Das verursachte einen Kloß in meinem Magen. Die Furcht vor dem Eingesperrtsein konnte ich nur schwer unterdrücken. Durch meine Kindheit auf dem Land war schon das „normale“ Leben in der Stadt ein Unterfangen für mich, dass ich über Jahre lernen musste. Heute mag ich es sehr. Doch in diesem Moment konnte ich dieses Leben nicht leiden. Ich musste für mich eine Entscheidung treffen, wie ich damit umgehen wollte, ohne zu wissen wie sich das ganze entwickelt. Durch die Möglichkeit zum Homeoffice entschied ich mich, mit zu meinem Freund nach Thüringen zu fahren. Es mag wie eine Flucht klingen. Doch ich suchte lediglich nach Sicherheit in dieser wirren Situation.

Nun sitze ich hier im Schlosspark des Örtchens Meiningen und bewundere den Löwenzahn, der sich in Windeseile auf den Wiesen ausgebreitet hat und überall gelbe Tupfer hinterlässt. Ich hatte Zeit, in den letzten Woche zu reflektieren, was um mich herum geschieht, was mir fehlt und worauf ich gut verzichten kann. Corona hat mir die Möglichkeit gegeben, mich selbst und all das, was ich tagtäglich tue neu auszuloten. Ich vermisse es, in ein Café oder essen zu gehen. Ich vermisse es, mich spontan mit Freunden in der Bar oder für das Kino zu treffen. Nach vier Wochen in der sogenannten sozialen Distanz fehlt es mir ein wenig an Zwischenmenschlichkeit. Man geht den Menschen aus dem Weg, erschreckt sich beinah, wenn einem jemand beim Einkaufen zu nah kommt. Das macht mich zeitweise fast irre. Und trotzdem gehe ich zum Beispiel gern in den Supermarkt. Bisher war mir gar nicht klar, wie gerne ich das tue. Doch ich mache mir viel mehr Gedanken darüber was ich kochen könnte und welche Zutaten ich brauche. Es macht mir Freude, mich darauf zu konzentrieren und mich an Rezepten auszuprobieren. Vieles, für das ich mir nie Zeit genommen habe, ist gerade viel einfacher, obwohl der Tag nicht mehr Stunden bekommen hat. Es ist mir schwer gefallen mich im täglichen Homeoffice einzufinden und mit Kollegen und Freunden nur über Videokonferenz oder Telefon zu kommunizieren. Es fällt mir immer noch schwer. Meine bisherigen Abläufe sind völlig über den Haufen geworfen. Ich versuche jeden Tag aufs Neue, Strukturen für mich zu finden und stelle fest, dass ich mittlerweile viel zu viel Struktur habe. Der Tag im Büro ist oft nur begrenzt planbar. Ich vermisse die spontanen Telefonate und unplanbaren Aufgaben, die Improvisation, das chaotische Durcheinander im Großraumbüro. Mich beschleicht das Gefühl, dass mein Gehirn langsamer geworden ist, weil es nicht mehr so oft umschalten muss, sondern jede Aufgabe strukturiert von Anfang bis Ende abarbeiten kann. Ich liebe die Optimierung von Prozessen, doch genauso sehr liebe ich das Chaos, das Unvorhersehbare. Vielleicht bin ich daher in all dieser Zeit recht geduldig mit all den Beschränkungen und Veränderungen umgegangen. Ich werde gestützt von der Neugier, wie sich der Alltag, das Berufsleben und die Umwelt entwickeln werden. Denn letztlich ist die Zukunft in diesen Tagen ungewisser, als jemals zuvor. Doch ich bin mir sicher, bei allen Ängsten, bei aller Anstrengung, bei aller Wut und Traurigkeit – Corona liefert uns Chancen. Ja, wir sehen sie vermutlich gerade noch nicht, wir wollen sie vielleicht auch nicht sehen. Noch sorgen wir uns um unsere Mitmenschen, um unsere Kinder, um unsere eigene Existenz. Doch dahinter verstecken dich viele Möglichkeiten, Ideen und Wünsche. Ich habe mir vorgenommen sie zu suchen und mir von ihnen Mut geben zu lassen.

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